Marcus Omofuma - Uneinige Gutachter

Worum ging's?

Marcus Omofuma wurde von österreichischen Polizeibeamten abgeschoben, nachdem seinem Asylantrag nicht stattgegeben worden war. Für den Transport wurde Marcus Omofuma durch österreichische Beamte so verschnürt, dass er keine Bewegungsfreiheit mehr hatte. Nachdem Hände und Füße geschlossen waren, wurde mit einem Klebeband der ganze Körper, einschließlich der Oberarme, zugeschnürt. Schließlich wurde ihm der Mund verklebt und sein Körper einschließlich seines Kopfes an einen Sitz im Flugzeug mit Klebestreifen angebunden. Marcus Omofuma verstarb während dieses Fluges. Die Familie, darunter drei Kinder des Marcus Omofuma, beauftragte Dr. Georg Zanger mit der Vertretung.

 

 Stand der Dinge:

Mit Urteil des Landesgericht Korneuburg zu GZ 611 Hv 304/01 g vom 15. April 2002 wurden die Beamten wegen des Vergehens der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen zu einer Freiheitsstrafe von je 8 Monaten rechtskräftig verurteilt. Die Verurteilung war nur deshalb möglich, da dem Gericht nachgewiesen werden konnte, dass der Tod des Marcus Omofuma die Folge eines Erstickungsvorganges war, bei dem einerseits die Brustkorbkompression durch die Verschnürung und das Verkleben des Mundes zusammenwirkten. Durch diese Art der „Verpackung“ war Marcus Omofuma nicht mehr in der Lage, sich gegenüber den Beamten, in welcher Form auch immer, zu äußern. Das heißt, er konnte nicht sprechen, konnte seine Hände und Beine nicht bewegen und nicht einmal mit dem Kopf „ja“ oder „nein“ sagen. Die Beamten hatten durch ihre Vorgangsweise eine außergewöhnliche Gefahrenlage geschaffen, an der Marcus Omofuma letztlich starb. Zumindest 30 Minuten bis etwa 1 Stunde bestand ein Sauerstoffmangel, der letztlich zum Tod führte.

 

Das Verfahren war deshalb bis zuletzt spannend, da der österreichische Gutachter Prof. Dr. Reiter im Widerspruch zu allen anderen Gutachten eine Expertise vorlegte, wonach Marcus Omofuma an den Folgen einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) verstorben sei. Der Gerichtsmediziner der Universität Wien, der die Organe und den Körper von Omofuma erst nach der Untersuchung durch die Gerichtsmedizin, etwa 3 Wochen später zur Einsicht bekam, meinte, dass Herzversagen die Todesursache sein könne. Sein Gutachten wurde bereits im Vorverfahren vorgelegt und stand in krassem Widerspruch zu jenem Sachverständigen in Bulgarien Herrn Prof. Dr. Radanov, der Omofuma unmittelbar nach seiner Landung in Sofia untersuchen konnte. Nur die genaue Beschäftigung Dr. Zangers mit diesem Gutachten, die Einholung von Fachmeinungen von international bekannten Sachverständigen und die unter deren Mithilfe erfolgte „Zerlegung“ des Gutachtens, konnte den Staatsanwalt dazu bewegen, ein Drittes („Obergutachten“) zu beantragen. Tatsächlich wurde dann über Antrag von Dr. Zanger, Herr Prof. Brinkmann - ein weltweit anerkannt Gerichtsmediziner aus Deutschland - zum dritten Gutachter bestellt. Dessen Gutachten deckte sich im wesentlichen mit dem Gutachten des Prof. Radanovs. Letztlich musste auch der Sachverständige Prof. Reiter im Rahmen seiner Befragung in der Hauptverhandlung eingestehen, dass seine schriftliche Expertise, die er im Vorverfahren vorgelegt hatte, nicht richtig war. „Der Gutachter Prof. Reiter hatte sich in der von ihm irrtümlich angenommen Myokraditis gleichsam „verrannt“ “ (Feststellungen des Gerichtes).

 

Das erfolgreiche Wirken von Dr. Zanger war nur möglich, weil Dr. Zanger sich intensiv mit den medizinischen Fragen des Gutachtens auseinandergesetzt hatte. Wäre dies nicht geschehen und der Staatsanwalt von der Unhaltbarkeit des Gutachtens von Prof. Reiter überzeugt worden, wäre es nicht zu einer Verurteilung gekommen. Dann wären aber auch alle Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche des Marcus Omofuma und seiner Hinterbliebenen nicht durchsetzbar gewesen.

 

Dazu meint Dr. Zanger:

"Rechtsanwälte müssen sich oft mit Parallelwissenschaften beschäftigen. Nur so können sie Gutachter kontrollieren."

 


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